Tenure Track Fachdidaktik der Ernährung

Ass.-Prof. Dr. paed. habil. Claudia Maria Angele

Mein Labor sind die Lernräume

Claudia Angele ist seit Februar 2018 Assistenzprofessorin für den Bereich "Fachdidaktik der Ernährung" am Department für Ernährungswissenschaften und am Zentrum für LehrerInnenbildung. Sie wirkt am weiteren Ausbau dieses fachdidaktischen Arbeitsbereiches an der Universität Wien mit.

Zuvor verantwortete sie von 2011 bis 2018 als Professurvertreterin und Privatdozentin den Arbeitsbereich Ernährung/Haushalt und seine Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten in Baden-Württemberg (D) im Rahmen des dortigen Lehramtsstudiums für Primarstufe und Sekundarstufe sowie verschiedener gesundheitsbezogener und bildungswissenschaftlicher Bachelor- und Masterstudiengänge.

Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Erforschung von Grundlagen des Lehrens und Lernens im Lernfeld Ernährung. In ihrer Habilitationsschrift - einer qualitativ-empirischen Arbeit im Bereich von Unterrichtsforschung - entwickelte und erprobte sie ein methodisches Instrumentarium zur Analyse von Unterrichtsgesprächen, welches auch für eine Erforschung unterrichtlicher Prozesse im Lernfeld Ernährung genutzt werden kann. Darin liegt das Potential, die empirische Fundierung in der Fachdidaktik der Ernährung - auch im internationalen Kontext - weiter voranzubringen und somit deren Sichtbarkeit als wissenschaftliche Disziplin auszubauen.

Hierbei sieht sie an der Universität Wien insbesondere auch die Vernetzung der Fachdidaktik Ernährung mit den KollegInnen in den Ernährungswissenschaften sowie den fachnahen Fachdidaktiken, z.B. am Zentrum für LehrerInnenbildung, und mit den Ernährungsdidaktiken der Pädagogischen Hochschulen, z.B. im Verbund Nord-Ost, als Chance.

Link: Habilitationsschrift Angele, Claudia (2016): Ethnographie des Unterrichtsgesprächs. Ein Beitrag zur Analyse von Unterrichtsgesprächen über Differenz als Alltagserfahrung. Münster/ New York: Waxmann. Reihe Internationale Hochschulschriften

 

Frau Professor Angele, Sie entwickeln den Bereich Fachdidaktik Ernährung ja ganz neu an der Universität Wien. Was ist darunter zu verstehen und warum muss Ernährung "gelernt" werden?

Kurz formuliert umfasst das Feld "Fachdidaktik Ernährung" ernährungsbezogenes Lehren und Lernen im Kontext verschiedener Bildungsprozesse in schulischen und außerschulischen Settings. Lernprozesse in Sachen Ernährung finden sich sowohl im informellen Bereich, in der Familie oder über Medien, als auch im formalen Bereich im Kontext von Schule bis hin zum non-formalen Bereich, z.B. im Rahmen von Lernangeboten in der Erwachsenenbildung. In außerschulischen Settings findet Lernen im Lernfeld Ernährung auch statt, wenn Menschen verschiedenen Alters, z.B. im Rahmen einer Ernährungsumstellung, mit spezifischen Lernmodulen unterstützt und begleitet werden.

Im Zentrum der Fachdidaktik der Ernährung stehen Fragen des Kompetenzerwerbs im Lernfeld Ernährung ("nutrition literacy"). Unter "nutrition literacy" wird gemeinhin die Fähigkeit von Menschen verstanden, theoretische Kenntnisse und praktische Fertigkeiten im Ernährungsalltag in ein angemessenes Handeln umzusetzen, und zwar im Sinne einer gesunden, genussvollen und nachhaltigen Ernährung im Alltag.

 

Wie kann Ernährungskompetenz ("nutrition literacy") erworben werden?

Nationale und internationale ExpertInnen und Rahmenkonzepte zur Ernährungsbildung vertreten den Standpunkt, dass für den Erwerb von Ernährungskompetenz sowohl Kenntnisse als auch Fertigkeiten benötigt werden. Das bedeutet, dass beim Lernen im Lernfeld Ernährung eine Verknüpfung von theoretischem Wissen und praktischem Können zentral ist. Hier eröffnen sich Lern- und Übungsfelder im schulischen Unterricht, in der schulischen Ernährungsbildung.

Leider ist Ernährungsbildung noch nicht in allen Schultypen in den Curricula gleichermaßen grundständig verankert, so dass man von einer Ernährungsbildung als Bestandteil Allgemeiner Bildung sprechen könnte. Bedeutsam mit Blick auf aktuelle Entwicklungen erscheinen für die schulische Ernährungsbildung und Verbraucherbildung auch zahlreiche Schnittstellen mit Inhaltsfeldern des globalen Lernens, wie zum Beispiel Lebensmittelverschwendung, Lebensmittelproduktion im Kontext von Nachhaltigkeit u.v.m.

Einer meiner Schwerpunkte ist aber auch die empirische Unterrichtsforschung. Gemeinsam mit MentorInnen und LehrerInnen in der Schulpraxis möchte ich daran arbeiten, die Unterrichtsqualität im Unterrichtsfach Haushaltsökonomie und Ernährung weiter zu verbessern. Das Ziel ist, die Ernährungsdidaktik in wechselseitigem Austausch und Diskurs voranzutreiben und sie durch Forschung auch empirisch zu fundieren. Im Kern geht es dabei immer um eine Weiterentwicklung von Unterrichtspraxis. Dies ist beispielsweise auch das Thema einer der kommenden Ausgaben der trinationalen Fachzeitschrift für die Ernährungs-, Gesundheits- und Verbraucherbildung "Haushalt in Bildung und Forschung", welche ich im österreichischen Redaktionsteam mitverantworte (Call 1/2019: Aus der Praxis für die Praxis: Lehrstücke, good practice, Weiterentwicklung von Unterrichtspraxis)

 

Trotz der breiten Kenntnis der Ernährungspyramide ist ein großer Teil der Bevölkerung - darunter immer mehr Kinder - übergewichtig, Krankheiten wie Diabetes nehmen zu. Wie ist das zu erklären?

Lernen im Bereich der Ernährung wird von verschiedenen Wirkfaktoren beeinflusst. Wenn ich esse, erfüllt das neben der physiologischen auch eine emotionale Funktion, des Weiteren aber auch eine soziologische oder soziokulturelle Funktion. Die Motive, wie Menschen sich ernähren, warum sie so essen, wie sie essen, werden nicht nur durch die physiologische Funktion von Essen (z.B. den gesundheitlichen Aspekt) bestimmt, sondern auch durch die anderen Motivlagen. Die Ernährungspyramide fokussiert im Wesentlichen auf den kognitiven Aspekt von Lernen, der eben nicht der allein entscheidende ist. In den letzten Jahren wurden in Ergänzung auch Konzepte der Ernährungsbildung entwickelt, die neben der kognitiven auch die sensorische Ebene ansprechen, z.B. über Methoden der Sinnesbildung.


Sie sprechen in Ihren Vorträgen und Lehrveranstaltungen von der "Mehrdimensionalität der Ernährungsdidaktik". Was steckt hinter diesem Begriff?

Jede Esssituation wird von mehreren Dimensionen bestimmt. Diese wurden von den österreichischen Ernährungsdidaktikerinnen Buchner, Kernbichler und Leitner folgendermaßen definiert: die Dimension des essenden Menschen und seinem Wahrnehmungs- und Verarbeitungssystem, die Dimension der Nahrung mit ihren quantitativ und qualitativ messbaren Eigenschaften und die Dimension des Umfeldes in räumlicher und zeitlicher Hinsicht inklusive sozialem und ökologischen Raum (vgl. die 2018 neu erschienene Handreichung zum Referenzrahmen für die Ernährungs- und Verbraucher_innenbildung Austria - EVA unter www.thematischesnetzwerkernaehrung.at).

In einer aktuellen Publikation habe ich erste Anknüpfungspunkte zwischen der Ernährungsdidaktik und dem globalen Lernen beleuchtet, was letztendlich auch bereits in diesem Prinzip der Mehrdimensionalität grundgelegt ist. Ernährungsentscheidungen, die wir treffen, haben nicht nur Auswirkungen auf unsere Gesundheit, sondern auch auf den Wirtschaftsraum, das ökologische und das soziale System und auf den Kulturraum bzw. auf die Esskultur. Diese Dimensionen, die sich fachwissenschaftlich z.B. im Konzept einer nachhaltigen Ernährung zeigen, gilt es in der Ernährungsbildung zu berücksichtigen. In den Publikationen zu Ernährungsdidaktik und globalem Lernen geht es zunächst darum aufzuzeigen, wo diese globalen Dimensionen des Lernfeldes Ernährung liegen. In einem weiteren Schritt gilt es, Unterrichtsmaterialien hierfür zu entwickeln und zu erproben.

 

Wie sehen Sie als Fachdidaktikerin im Lernfeld Ernährung Trends wie Superfood, Novel Food, usw.?

Aus Sicht der Fachdidaktik erfordern diese Trends eine fachliche Auseinandersetzung im Rahmen von Lerngelegenheiten in der Ernährungsbildung und eröffnen wieder neue Inhaltsfelder. Zum Beispiel stellt die neue Verordnung zu Novel Food KonsumentInnen vor wichtige Fragen, die letztlich eine grundständige Bildung im Lernfeld Ernährung erfordern: Welche rechtlichen Erkenntnisse sind für KonsumentInnen wichtig zu kennen, was sind Eigenschaften und gegebenenfalls Zusatznutzen der sehr verschiedenen Kategorien von Novel Food, wie ist Novel Food aus wirtschaftlicher und aus ökologischer Perspektive zu bewerten? Wie wird Novel Food aus Sicht von KonsumentInnen und ErnährungsexpertInnen beurteilt, z.B. im Hinblick auf Gesundheitsverträglichkeit? Hauptziel der Ernährungsbildung, die bei der Auseinandersetzung mit Lebensmitteltrends immer auch Verbraucherbildung ist, bleibt letztlich, dass der/die Einzelne in die Lage versetzt wird, die eigene Ernährung und die Produktwahl bewusst und begründet zu gestalten. Man spricht hier mit Blick auf die Ziele von Ernährungs- und Verbraucherbildung auch davon, Bewertungs- und Entscheidungskompetenz durch entsprechende Lernanlässe anzubahnen. Eine fachdidaktische Publikation, an der ich derzeit arbeite, möchte eine fachliche Basis für die Entwicklung von Lerngelegenheiten zum Vergleich von Chiasamen (Novel Food) und Leinsamen geben.

 

Inhaltlich und auch persönlich wichtig ist Claudia Angele im Rahmen ihrer Tätigkeit vor allem auch die Kooperation und Kommunikation mit allen am ernährungs- und haushaltsbezogenen Unterricht beteiligten AkteurInnen und ExpertInnen in Schulen, Schulverwaltung, Pädagogischen Hochschulen und Universitäten, um angehende LehrerInnen weiterhin fachwissenschaftlich und fachdidaktisch adäquat zu qualifizieren für ihre äußert relevante und anspruchsvolle künftige Tätigkeit in Unterricht und Schule.

Die Interviewfragen stellte Mag. Ursula Gerber, Fakultät für Lebenswissenschaften.